
Kulturerbe im Wandel: Was Deutschland heute für bewahrenswert hält
Was eine Gesellschaft bewahrt, sagt viel darüber aus, wie sie sich selbst versteht. Die aktuelle Denkmalschutzförderung des Bundes zeigt, dass sich der Blick auf das kulturelle Erbe in Deutschland erweitert: Neben Kirchen, Burgen und Schlössern rücken zunehmend Industrieanlagen, Infrastruktur und Orte des Alltags in den Fokus. Prof. Johannes Kiessler, Dekan für Art & Design an der University of Europe for Applied Sciences (UE), ordnet ein, was dieser Wandel über unser kulturelles Selbstverständnis verrät.
Mehr als 140 Projekte erhalten im Rahmen des 14. Denkmalschutz-Sonderprogramms des Bundes Fördermittel. Die Bandbreite ist bemerkenswert: Sie reicht vom Aachener Dom und historischen Synagogen über ehemalige Industrieanlagen und Brücken bis zum Bruno-Plache-Stadion in Leipzig und dem Museumsschiff Cap San Diego im Hamburger Hafen.
Die Liste zeigt damit mehr als eine Auswahl historischer Bauwerke, die restauriert werden sollen. Denn mit der Entscheidung, welche Orte erhalten werden, verändert sich auch die Vorstellung davon, was eine Gesellschaft als kulturell und historisch bedeutsam betrachtet.
„Der eigentliche Wandel in Bezug auf den Denkmalschutz vollzieht sich nicht an den Bauwerken, sondern in unserem Blick auf sie. Lange erzählten Denkmäler vor allem von Herrschaft, Religion und nationaler Repräsentation. Heute erkennen wir zunehmend auch Orte der Arbeit, der Infrastruktur und des Alltags als identitätsstiftende Zeugnisse unserer Geschichte an“, sagt Prof. Johannes Kiessler, Dekan für Art & Design an der University of Europe for Applied Sciences.
Wenn auch Brücken, Fabriken und Stadien Geschichte erzählen
Besonders sichtbar wird dieser Perspektivwechsel bei der Industrie- und Infrastrukturgeschichte. Gefördert werden beispielsweise die Junkershallen am ehemaligen Flughafen Oberschleißheim, das Bahnbetriebswerk Hilbersdorf in Chemnitz, ein historisches Textilwerk in Mülsen und der Hansa-Brückenzug in Dortmund.
Auch historische Brücken, Orgeln, jüdische Friedhöfe und Gebäude in kleineren Gemeinden finden sich auf der Förderliste. Kulturelles Erbe wird damit weniger über Größe, Bekanntheit oder repräsentative Architektur definiert als über die Geschichten, die ein Ort über gesellschaftliche Entwicklungen erzählen kann.
Das verändert auch die Bedeutung von Denkmalschutz. Es geht nicht allein darum, historische Bausubstanz möglichst unverändert zu erhalten. Denkmäler machen sichtbar, welche Erfahrungen und Entwicklungen Teil des kollektiven Gedächtnisses werden – von Religion und politischer Geschichte bis zu Industrialisierung, Arbeit, Migration und technischem Fortschritt.

Denkmalschutz als Frage gesellschaftlicher Identität
Kiessler sieht darin eine weitergehende gesellschaftliche und kulturpolitische Dimension.
„Denkmalschutz wird häufig auf den Erhalt historischer Bausubstanz reduziert. Er bietet aber auch eine Möglichkeit, die eigene Identität zu überdenken und weiterzuentwickeln. Am Anfang stehen immer die Fragen: ‚Wer sind wir?‘ und ‚Woher kommen wir?‘, die zeigen, wohin wir uns als Gesellschaft entwickeln möchten.“
Die aktuelle Förderliste lässt sich damit auch als Momentaufnahme des kulturellen Selbstverständnisses lesen. Neben den großen Symbolen nationaler Geschichte werden zunehmend Orte als bewahrenswert wahrgenommen, an denen Menschen gearbeitet und gelebt haben und an denen wirtschaftlicher, sozialer und technologischer Wandel stattgefunden hat.
Der Denkmalschutz dokumentiert so nicht nur Vergangenheit. Er spiegelt auch wider, welche Geschichten eine Gesellschaft heute für relevant hält und an kommende Generationen weitergeben möchte.
Mehr Informationen zu diesem Thema finden Sie hier: Welche Geschichte Deutschland bewahren will: Was die neue Denkmalschutz-Förderliste über unser kulturelles Selbstverständnis verrät – UE
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